«Du hast mir nichts zu sagen! Papa bringt das Geld nach Hause. Er ist der Chef bei uns.»
Wie bitte?
Bestürzt sitze ich meinem Sohn gegenüber. Hat er das wirklich gesagt? Und schlimmstenfalls sogar gemeint? Es war seine Reaktion auf meine Ansage, bei uns zu Hause wolle ich «so ein Wort» nicht hören.
Und sie schockiert mich. Ich gerate ins Grübeln, frage mich, woher ein Erstklässler so ein Weltbild hat. Klar, mein Mann arbeitet 100 Prozent, ich seit der Geburt unseres ersten Sohnes «nur» 60 Prozent – eine Aufteilung, die in vielen Haushalten in der Schweiz die Norm und vielleicht nicht in allen Belangen ganz gleichberechtigt ist.
Aber es ist keineswegs so, dass bei uns der Mann der Boss ist, der nach getaner Arbeit die Füsse hochlegt und sich die Pantoffeln ans Sofa bringen lässt (ich hoffe, dass es das überhaupt gar nirgendwo mehr gibt).
Wenn er am Abend nach Hause kommt, räumt mein Mann erst mal die Legosteinli und Auto-Kolonnen aus dem Weg, ich koche – er macht danach den Abwasch. Die Kinder bringen wir abwechselnd in die KiTa und in die Schule.
Ein Paar auf Augenhöhe
Wir verstehen uns als Paar auf Augenhöhe. Niemand ist der Chef. Wieso also meint mein sechsjähriger Sohn, dass der Papa der Boss ist? Und was bin dann ich? Und was mich als politisch links gesinnter Mensch zusätzlich stört: Wieso soll derjenige mit mehr Geld auch automatisch das Sagen haben? Aber das ist eine andere Baustelle.
Wir geben uns Mühe, unsere beiden Söhne so grosszuziehen, dass sie mit möglichst wenig einengenden Stereotypen aufwachsen, ihren Interessen unabhängig vom Geschlecht nachgehen können.
Der 3-Jährige will gerne ein Röckli anziehen wie seine Freundinnen? Kann er gerne (obwohl er mich in der Kinderabteilung einer grossen Bekleidungskette an meine Grenzen brachte, als er sich ein glitzerndes Tutu aussuchte, das ich ihm zu meiner Schande auch nicht gekauft habe — er hat jetzt ein schwarz-weisses Kleid).
Die beiden Jungs wollen sich gemeinsam mit mir die Zehennägel pink anmalen? Von mir aus. Sie haben beide ein Bäbi, das wir abends auch mal ins Pyjama stecken und das im Buggy unter unseren Esstisch «in die Ferien» gefahren wird.
Der heilige Gral: Genderneutral
Von den leidigen Gender-Schubladen können wir uns natürlich dennoch nicht völlig frei machen. Ganz automatisch drängen wir unsere Kinder immer wieder unbewusst in eine Mädchen- oder Buben-Ecke.
Wir finden es normal, dass Jungs wild und laut sind und Mädchen gerne malen und bäbelen. Wir kaufen unseren Söhnen von Geburt an blaue Strampler und Nuggis mit kleinen Fussbällen drauf. Ich habe Freundinnen, die ihre Töchter bereits im Säuglingsalter nur rosafarben einkleideten und das kaum vorhandene Haar mit Mäscheli und Spängeli malträtierten, aus lauter Angst, der kleine Mensch könne sonst für einen Buben gehalten werden.
Und ganz ehrlich: Kauft einem Baby oder Kleinkind mal etwas, das nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet ist. Da können Sie sich genauso gut auf die Suche nach dem heiligen Gral machen.
Geschlechtsneutrales für Kinder scheint auf dem absteigenden Ast zu sein: Seien es nun Kleider, Spielsachen, Filme, Kinderbücher, ja sogar Lego – alles ist entweder ganz eindeutig pink oder blau. Männlein oder Weiblein. Star Wars oder Elsa. Rüschen oder Dinosaurier.
Schaut unser älterer Sohn in der Adventszeit jeweils Spielzeugkataloge durch, um sich für seinen Wunschzettel inspirieren zu lassen, ruft er auf jeder zweiten Seite: «IIh, das ist für Mädchen!» und blättert schnell weiter, bis er zu einer Seite gelangt, die – ganz eindeutig – für sein Geschlecht bestimmt ist.










