Meine Lieben.
Ich könnt’ euch knuddeln und wuddeln, bis mir die Luft wegbleibt.*
Ich liebe euch so sehr.
Manchmal bleibt mir deswegen schier die Luft weg.
Ich denke dann, wenn ich sie anhalte, bleibt auch die Zeit stehen, und die schönen Momente gehen nicht vorbei.
Wenn ihr euch gemeinsam gegen mich verbündet, zum Beispiel. Ihr mich peinlich findet (aber eben irgendwie doch nicht). Wenn ihr euch – oder besser ICH euch – ins Duvet einrolle und kitzle – wir nennen das «Fajitas» machen.
Wenn ihr euch an den Händen haltet beim Schlittschuhfahren oder zusammen auf dem Rücksitz singt, speziell laut, wenn irgendein Schimpfwort im Text vorkommt – FU-UCK! – und ihr mich dann alle aus den Augenwinkeln beobachtet.
Ich bin dann so glücklich, wenn ich euch Moment für Moment beim Leben begleiten oder zumindest zuschauen darf.
Wie wäre wohl euer Leben ohne mich? Spiele ich tatsächlich eine so grosse Rolle, bin ich so wichtig, so prägend, was werdet ihr später in der Therapiestunde von mir erzählen? Werdet ihr das?
Wie schlimm ist es, dass ich gestern die Fassung verloren habe? Macht es einen Unterschied, ob ich jeden Abend beim Einschlafen dabei bin?
Seid ihr sowieso, wer ihr seid … auch ohne mich?
Ich sehe anderswo, wie gut es geht ohne eine Mutter. Aber anderswo hätte auch hier sein können, es hätte genauso gut mich treffen können. Jene Mutter wollte ebenfalls die Zeit anhalten, und wir schafften es nicht, auch nicht gemeinsam.
Auch sie wollte so lange bleiben wie möglich, hatte auch ein Kind, das sie beim Leben bestaunen wollte. Vielleicht tut sie es ja auch jetzt – ich hoffe das. Glaube das.
Aber ihm geht es gut. Sehr gut sogar, und natürlich, das beruhigt mich. Und es beunruhigt mich auch. Weil es manchmal scheint, als wäre sie nie gewesen.
Meine Lieben.
Wer seid ihr?
Wer werdet ihr sein, meine Lieben, wenn ihr gross seid, selbständig, wenn ihr mich nicht mehr zum Socken anziehen und Fudibutze ruft, sondern widerwillig einmal pro Woche mit mir telefoniert?
Wie wird es sein, wenn ich die einst so geliebte Freiheit wieder spüre?
Die selbstbestimmte Zeit, die ich nach eurer Ankunft so unglaublich vermisste, glorifizierte, um sie trauerte.
Schneller als ich es mir heute vorstellen kann, wird sie zurück sein. Mir graut es vor einem aufgeräumten Tisch, schön dekoriert, vor Kissen, die auf dem Sofa liegen und nicht irgendwo unter dem Kleiderschrank, vor der Stille, die heute so selten herrscht.









