Was heisst schon «perfekt»? Welche Mutter ist das – ausser jener, die wir auf Instagram finden und die uns diese vermeintliche Perfektion nur vorspielt? Ich persönlich kenne entweder keine perfekten Mütter, oder dann sind sie es alle – wir alle tun, was wir können, und meist noch ein bisschen mehr.
Gemeingut Frau und Supermom
Der Druck von aussen ist nicht zu unterschätzen: bereits VOR der Schwangerschaft wird jeder Frau über 30 eingeimpft, dass sie nur dann ihre Bestimmung erfahre, wenn sie ein Kind zur Welt bringe! Das finde ich anmassend. Ich kenne einige Frauen, die sich kaum trauen, ihren Nicht-Kinderwunsch öffentlich auszusprechen.
Wir klammern uns an vermeintliche Vorbilder, die in Tat und Wahrheit wahrscheinlich genauso wursteln wie wir alle.
Das Konzept einer «Supermom», die alles nach Lehrbuch macht, täglich in der Küche das Biogemüse schnippelt, dem Baby das Mützchen selbst strickt und an Weihnachten Elfentürchen bastelt, findet da wunderbaren Nährboden, auch weil diese Bilder mit einem Urgefühl verbunden sind, für jemanden zu sorgen. Ich mag solche Dinge ja auch – wenn sie denn aufgrund eines persönlichen Wunschs entstehen und nicht wegen des Drucks, es machen «zu müssen».
Mit mehr Energie und Glaubwürdigkeit wäre es nicht mehr so ein weiter Weg zur echten Gleichberechtigung.
Nach der anfänglichen Verunsicherung durch dieses absolute Übermass an Ratschlägen und des genormten «man sollte», bin ich mittlerweile nach drei Kindern ziemlich taub geworden auf beiden Ohren und höre primär auf meine Intuition. Meine Kinder werden nicht dumm, weil sie mit dem iPad spielen dürfen. Sie werden nicht krank, weil wir ihnen Süssigkeiten erlauben.
Verzicht gehört allerdings zum Elternsein dazu. Die Zeit wird knapper, die Ressourcen auch. Mit fünf Stunden unterbrochenem Schlaf powert niemand mehr so durch den Tag wie in der Zeit vor den Kindern, und trotzdem will jede Minute genutzt sein.
Ich bin mit Brandi Zuckerberg, der Schwester von Facebook-Mark, einverstanden, wenn sie sagt: «Work, Sleep, Family, Fitness, Friends – choose 3». Für mehr reicht es einfach nicht. Bei mir sind es übrigens Work, Family und Friends.
Ich bin 2012 mit der Vorstellung schwanger geworden, dass die Vereinbarkeit gut lebbar ist.
Ich dachte, dass wir in der Schweiz ein Umfeld haben, in dem dies mit viel Organisation sehr wohl möglich ist. Und ich wurde eines Besseren belehrt: Die Schweiz ist nach wie vor auf ein traditionelles Familienmodell ausgerichtet, in dem die Mutter zu Hause auf die Kinder aufpasst.
Fremdbetreuung ist dermassen teuer, dass es sich ab ca. 40 Prozent Arbeitstätigkeit des zweiten Elternteils kaum noch lohnt. Wer keine Grosseltern zur Stelle hat, die diese Aufgabe freiwillig (und gratis!) übernehmen, steht vor der Entscheidung: Kinder oder Karriere oder beides, wobei bei der letzten Variante das Arbeiten oft als Investition in die Zukunft anzusehen ist und der eigenen Unabhängigkeit und Erfüllung dient, weil es sich finanziell nicht lohnt.
So musste ich sehr schnell Abstriche machen in meiner utopischen Vorstellung von Work-Life-Balance. Vereinbarkeit ist nicht nur eine Frage der Organisation, sondern auch der Emotionen. Ich wollte zum Beispiel meinen Sohn nicht nach fünf Monaten in einer Krippe betreuen lassen, so wie wir das vorgängig geplant hatten. Es fühlte sich für mich nicht richtig an.
Und so mussten neue Lösungen her – denn nein, auf meine Arbeit wollte ich genauso wenig verzichten. Schliesslich war sie davor vierzehn Jahre lang mein Fokus gewesen und auch meine Leidenschaft.
Ich habe mich stark verändert. Zuerst war ich desillusioniert, danach wütend.
Und jetzt bin ich der Meinung, dass wir für eine Veränderung kämpfen sollten. Der viel zitierte Satz «You can’t have it all» von Anne-Marie Slaughter hat für mich immer noch sehr viel Wahres, auch wenn ich ihn mit «at the same time» ergänzen würde. Eltern werden hat durchaus Entscheidungen zur Folge, aber die sollte man selber treffen dürfen.
Nein, perfekt heisst: sich selbst nicht aufgeben und nicht vergessen, wer man ist.
Ich glaube, nur das gibt mir die Kraft, die beste Mutter für meine Kinder zu sein.
Fails – schlechte Mutter oder einfach Mensch?
Natürlich gibt es Momente, in denen ich wahrscheinlich etwas besser machen könnte. Zum Beispiel, wenn ich seit einer halben Stunde dringend auf die Toilette muss, das Baby sich aber den Kopf gestossen hat, die Tochter dringend Hilfe braucht beim Schuhe anziehen und der Sohn selbstverständlich genau. jetzt. sofort. und keine Sekunde später seinen blauen Stift haben muss und mir das entsprechend viermal ins Ohr schreit.
Dann werde ich laut, manchmal zu laut, und natürlich oft zu unrecht. Denn aus Kinderperspektive gibt es ja nur ein «Jetzt», die Bedürfnisse der anderen werden gar nicht wahrgenommen in den ersten Jahren. Aber für so viel Reflexion habe ich in solchen Momenten keine Nerven, ehrlich gesagt.
Gemäss Studien ist unser Einfluss ja gar nicht so gross, wie wir das immer denken.
Und Kinder «kontrollieren» und «erziehen» zu wollen, ist meiner Meinung nach sowieso eine Illusion. Kinder kopieren. Wenn ich also will, dass sie anständige, liebevolle Menschen werden, muss ich bei mir selbst anfangen.
Weg mit der perfekten Mutter und her mit der Energie
Jede Mutter ist perfekt, oder kann perfekt sein, wenn sie sich selbst das Mass aller Dinge ist und nicht versucht, ein gesellschaftliches, imaginäres Konstrukt einer «perfekten Mutter» zu sein.
Autorin
Andrea Jansen hat 2016 Any Working Mom gegründet. Bei mal ehrlich ist sie aktuell für die Strategie und Weiterentwicklung verantwortlich. Sie reist gerne durch das Leben und um die Welt, versucht, mehr zu schlafen und durchzuatmen. Sie ist Unternehmerin, Stiftungsrätin, Journalistin und Mutter von drei Kindern. Seit mindestens fünf Jahren will sie ihre Website updaten und kommt nicht dazu – bis dahin findet man sie auf Insta als jansenontour.
DANKE Andrea für diesen (und alle anderen!) wunderbaren Text – wiedermal triffst du den Nagel auf den Kopf und schreibst mir aus dem Herz!
Andrea Jansen
Liebe Yvonne, herzlichen Dank für die Rückmeldung!
Luzia
Liebe Andrea,
einmal mehr einen super Artikel! Danke Dir dafür! Ich lese sehr gerne Deine Artikel, denn sie sprechen genau das an, was ich auch denke und erlebe. Sie geben mir Kraft und Ausdauer, mich immer wieder für meine Wünsche und Ziele einzusetzen.
Danke Dir
Andrea Jansen
Liebe Luzia, vielen Dank für den wunderbaren Kommentar. Viele wissen das nicht – oder können es sich vielleicht nicht vorstellen – aber für mich und Anja sind genau solche Rückmeldungen der Motor, der uns viele viele Stunden vor dem Compi verbringen lässt. Wenn wir hören, dass diese Seite – mit allen ihren Imperfektionen – anderen Eltern auf irgend eine Weise Kraft gibt, dann ist unser Ziel erreicht. Danke Dir!
Anne
Vielen Dank für diesen tollen Eintrag! Gerade als Erstlingsmama – und tiefste Perfektionistin ;) – musste ich auch erst meinen Weg finden und fand das nicht immer unbedingt leicht
Andrea Jansen
Liebe Anne, herzlichen Dank für das Feedback!
Nicole
Liebe Andrea,
da kann man nur eines sagen – der Artikel ist PERFEKT!
Danke 😊.
Sandra
Liebe Andrea
DANKE DANKE DANKE für diesen genialen Text! Du schreibst mir aus der Seele.
Macht weiter so!
Sara
Vielen Dank für den tollen Artikel
A propos Perfektionismus/have it all hier ein super Buchtipp:
Drop the Ball: Achieving More by Doing Less | Tiffany Dufu
Andrea Jansen
Super, herzlichen Dank!
Michelle
Danke für den tollen Artikel der mir gerade sehr gut tut.
Missis Pf
Hui ich fühlte mich grade ein bitzeli ertappt. In meinem Kühlschrank hats in der Tat fast nur Biogemüse. Und Chäppli gehäkelt habe ich auch schon zig. Owee und jetzt kommts: grade hämmere ich an einem Wichtelhaus für die Adventszeit. Aber war halt schon immer eine Basteltante. Dafür kann ich manchmal das Foifi nicht grade sein lassen. Und wäre in vielem gerne lockerer, flockiger unterwegs. So ist jede von uns anders. Und trotzdem verbindet uns eins: Die bedingungslose Liebe zu unseren Kindern.
Gabi G.
Die Frage bei der ganzen Geschichte ist ja immer „was denke ich dabei über mich selbst“? Lasse ich mich beeinflussen, kleinmachen oder in meinem Denken einschränken wenn andere sich vermeintlich perfekt zeigen! Das wird sich in unserem Zeitalter kaum irgendwann ändern. Wenn man sich aber von den äusseren Einflüssen lösen kann, ist ein Schmunzeln darüber das einzige was bleibt.
Und übrigens finde ich „ You can’t have it all“ eine der ältesten und weit verbreitesten Konditionierung die ich überhaupt nicht teile. Natürlich können wir alles haben. Damit meine ich nicht Materialismus, sondern ein selbstbestimmtes, glückliches und erfülltes Leben wo ich an erster Stelle stehe.
Barbara
Liebe Andrea
Sollte eigentlich schon lange schlafen, bin jedoch wieder mal an einem deiner packenden Artikel hängen geblieben. Welche Studie meintest du mit «gemäss Studien ist unser Einfluss (auf die Kinder) ja gar nicht so gross, wie wir das immer denken»?
karin
Liebe Andrea
Danke für diese Zeilen – sie machen Mut, und drum lese ich hier so gerne mit. Rückblickend kann ich nur sagen, Hauptsache für sich selbst & die eigene Familie stimmts so wie’s grad ist. Und der Rest soll doch denken und meinen was er will. Aber dafür musste ich die 40 überschreiten ;).
Esther Peiner
Super Artikel! We really can’t have it all – Work, Family and Fitness for me…..😉