Ich bin weder Expertin noch pädagogisch besonders wertvoll, sondern einfach eine Mutter, die viele Kinder um sich hat und beginnt, Kinderyoga zu geben. Und darum überzeugt: Was an der Schule fehlt, ist Yoga und Meditation.
Mobbing und Gewalt
Kinder können ganz schön nerven. Sie sind frech, sie sind hibbelig, sie machen müde. Das findet sogar die Schule. Mein Sohn ist knapp 13 Jahre alt und besucht die 6. Klasse. Die letzten Jahre erhielten die Eltern, also auch ich, mehrere Schreiben des Lehrers über Interventionsmassnahmen – es herrsche grosse Unruhe in der Klasse; die Rede ist von Konflikten, mangelnder Sozialkompetenz, Mobbing und Gewalt.
Alle wurden schon zurate gezogen: Gewalt-Experte, Klassencoach, Schulsozialarbeiterin, Schulpsychologin. Sie sprachen über Gewaltprävention, Konfliktlösungsverfahren und die Förderung alternativer Denkstrategien.
Alles gut gemeint, doch in meinen Augen am Ziel vorbeigeschossen.
Was die Kinder genug zu hören und zu fühlen bekommen, sind Expertenmeinungen und von Erwachsenen für sie entwickelte Strategien. Sind sie doch schon völlig übersättigt von endlosen Vorträgen über Gut und Böse und von den vielen Eindrücken durch die Dauerberieselung von Lärm und Medien.
Gemäss Aussagen von Psychologen weisen 10 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen Verhaltensauffälligkeiten auf. Auch 4 von 10 Kindern, die ich kenne, müssen Medikamente einnehmen oder haben psychopathologische Erscheinungen: Schlafstörungen, Einnässen, Schulangst, dissoziale Entwicklungsstörungen.
Schluss mit Richtig und Falsch
Ich glaube, was Kinder brauchen, aber an der Schule fehlt, ist Entschleunigung, Ruhe, Luft zum Atmen und vor allem Anderen: einen wertefreien Raum in unserer nach Likes und Bewertungen strebenden Leistungsgesellschaft.
Sie haben dringend eine Pause nötig zwischen Instagram-Lächeln und IS-Köpfungs-Video. Stecker raus, keine Verpsychologisierung, kein Richtig und Falsch.
Was sie brauchen, ist ein Boden, eine Matte und Yoga.
Denn Yoga – das belegen zahlreiche Studien – hilft, Stress und Aggressionen abzubauen sowie mit Frust umzugehen. Es beruhigt, stärkt den Körper und den Geist, bringt Harmonie in den Mechanismus, lehrt Respekt und Achtsamkeit im Umgang mit sich und den anderen, stärkt das Körperbewusstsein. Das Üben der Asanas verbessert die Konzentrationsfähigkeit, hilft gegen Schulangst, stärkt die Wahrnehmung, die Empathie und damit das soziale Miteinander.
Schutz vor Depression oder Hyperaktivität
Auch Depressionen, Essstörungen und Hyperaktivität soll Yoga entgegenwirken. Und selbst bei Autismus und Übergewicht machte man damit gute Erfahrungen.
Warum also nicht in der Schule? Zumal Kinder die geborenen Yogis sind – würden wir es ihnen durch unsere Erziehung und unsere Ansprüche nicht wieder abgewöhnen. Babys und Kleinkinder praktizieren Yoga in aller Selbstverständlichkeit: die «Happy Baby Pose» beim Wickeln, den «Squat» beim Lego spielen oder die «Child’s Pose» beim Büechli anschauen.
Zum Malen liegen sie in der «Seal»-Stellung oder machen die «Sphinx» und strecken und dehnen sich, wann immer ihnen danach ist. Sie stemmen sich in die Brücke, ohne mit der Wimper zu zucken, und üben den Kopfstand ohne Furcht.
Kinder sind die besseren Yogis
Kinder können noch, was wir verlernt haben: sich offen und ohne Scham einer Tätigkeit hingeben, ohne darin einen Wettbewerb zu sehen oder dahinter Selbstoptimierung zu suchen. Sie umarmen einander. Sie weinen, wenn sie traurig sind, schreien vor Wut und lachen laut vor Glück.
Sie leben im Moment, spüren ihre Bedürfnisse und können diese formulieren.
Sie sind unvoreingenommener und würden ohne unser Zutun kaum je über andere urteilen. Um diese Reinheit zurückzugewinnen, besuchen wir Erwachsenen Achtsamkeits-Retreats, machen Therapien oder eben – Yoga.
Wir sollten unsere Kinder früh dazu ermutigen, auf ihren Körper zu hören. Wir sollten ihnen zeigen, dass sie in sich horchen und zur Ruhe kommen können. Sie sollen lernen, bei sich zu sein – und bei sich zu bleiben. Sie sollen sich bewegen, ohne Druck, ohne Ambitionen.
Das tut ihnen gut und schont auf lange Sicht unser Gesundheitssystem. Oder ganz einfach unsere Nerven.
Yoga ersetzt nicht den Psychiater oder ein Medikament für ein Kind, das es wirklich braucht, doch es wirkt präventiv und fördert den Heilungsprozess.
Ich bin überzeugt, Yoga an der Schule könnte bereits den Kindern ein ganz klein wenig jener Unbeschwertheit zurückgeben, die wir ihnen – viel zu früh schon – genommen haben. Einen Versuch sind wir ihnen schuldig.