Als wir vor gut fünf Jahren beschlossen, für ein Jahr nach Hawai’i auszuwandern, wollte ich vor allem eins: weg von allem. Weg von Verpflichtungen, Terminen, Lärm, vollen Trams, Leistungsgesellschaft, Norm und Fremdbildern, die ich nicht beeinflussen kann, die mich aber nicht kaltlassen.
Ich wollte auch weg von mir.
Ein bisschen wollte ich auch weg von mir. Ich bin schnell zu begeistern, ich biete meine Hilfe gerne an und tue nichts lieber, als mit ebenso motivierten Menschen gemeinsame Sache zu machen.
Nur mache ich dann zu viel, sage ja mit dem Herzen, wenn der Kopf «geht’s noch» schreit, und überstimme ihn dann: «Das passt schon irgendwie.» Muss aber auch immer wieder merken, dass es das eben nicht tut.
Die vielen Möglichkeiten, die vielen Angebote und verlockenden Ideen: Sie geben mir Adrenalin, lassen mich schneller rennen, in einer Art Rausch. Ungesund.
Ich ging also an einen Ort, wo die Zeit anders vergeht, langsamer. Wo ich keine Freund:innen und keine erweiterte Familie hatte, kein Netzwerk, wo auch niemand mich kannte oder tuschelte, sobald ich (vermeintlich) ausser Reichweite bin.
Ich liess mich darauf ein, herauszufinden, wer ich bin, wenn ich niemand sein muss.
Zuerst war das wunderbar.
Es ist sehr befreiend, ausserhalb einer Schublade zu leben.
Die ersten Menschen, die wir kennenlernten, waren die Eltern der Schulkinder, mit denen unsere zwei Grösseren in den Kindergarten und die erste Klasse gehen würden.
Sie empfingen mich mit warmen Worten, die oft als amerikanische Oberflächlichkeit ausgelegt werden, aber echter nicht sein könnten. «You’re Swiss?!» riefen sie ungläubig und freudig – das war unser neues Label.
Und sonst war ich einfach «Nils« Mom». Nicht mehr, und nicht weniger.
Was wir beruflich tun, oder im Speziellen, ich – DANACH fragte keiner.
Arbeit hatte einen anderen Stellenwert.
Meine Freundinnen hier in der Schweiz arbeiten, fast alle in Teilzeit. Wenn wir uns sehen, sprechen wir auch nicht selten über unsere Jobs, über Challenges, können einander spiegeln oder auch mal ins «Hemmli gränne», wenn es nötig ist.
Meine drei engsten Freundinnen auf der Insel hingegen sind Hausfrauen. Selbstbestimmt, selbst gewählt. Empfinden es als Privileg, sich Vollzeit auf die Familie konzentrieren zu dürfen. Haben Männer, die eine klassische Ernährer-rolle leben und haben so auch eine ziemlich traditionelle Rollenverteilung.
Ich fiel aus der Norm.
Ich merkte schnell, dass ich mit diesen Frauen trotz unserer unterschiedlichen Lebensentwürfe viel gemeinsam hatte: die Faszination für das Abenteuer Elternsein, die Liebe zum Reisen, den Wunsch, viel Zeit in der Natur zu verbringen.
Und trotzdem: Irgendwann meldete sich mein Ego zurück. Ich merkte, dass mir dieser Teil meiner beruflichen Identität fehlte – was ich tue, und warum. Weil das auch ein Teil von mir ist.
Ich begann, über meinen Beruf und meine Berufung zu sprechen. Mit Folgen.
Obwohl sich alle eigentlich gleichberechtigt fühlten, spielte Geld implizit eine Rolle. Wer Geld nach Hause bringt, arbeitet, wer keine Entlöhnung kriegt, nicht. Ich merkte:
Jede dieser Frauen in meinem neuen Bekanntenkreis war und ist stolz auf ihre Leistung als Hausfrau und Mutter, aber ein gefühltes Bewusstsein für den Wert ihrer Arbeit fehlte. Sowohl bei ihnen, als auch bei ihren Partnern (die übrigens allesamt wunderbare Väter sind, die aber nicht die Postiliste schreiben).
Ich begann ihnen vorzurechnen, was ihre Arbeit kostete, würden sie sie delegieren. Teilte Studien und Instaposts, die in Stunden den Gegenwert der Leistungen von Hausfrauen sichtbar machen.










